Es gibt Momente, in denen Du erst am Ende des Tages spürst, dass etwas nicht stimmt. Nicht, weil Du zu viel übernommen hast – sondern weil jemand anders über eine Grenze gegangen ist, die Du selbst nie ausgesprochen hast.
Vielleicht, weil ein Stakeholder oder Manager beginnt, Deine Arbeitsschritte im Detail vorzuschreiben. Vielleicht, weil jemand in einem Meeting Deine Ergebnisse kommentiert, als hätte er Deine Rolle mit übernommen. Oder weil Du merkst, dass jemand Entscheidungen über „Deine“ Themen trifft, ohne Dich einzubeziehen – obwohl es eigentlich Dein Verantwortungsbereich wäre.
Solche Situationen fühlen sich erst mal komisch an. Vielleicht fühlst Du Dich „wie vor den Kopf gestoßen“. Und genau darin liegt die Schwierigkeit: Grenzüberschreitungen passieren oft leise. Nicht dramatisch, nicht offensichtlich. Aber sie hinterlassen eine innere Spannung, die erst später bewusst wird, wenn der Moment vorbei ist.
Für viele UX Researcher:innen und UX Leads ist das Alltag – nicht, weil sie „zu nett“ sind, sondern weil im Organisationskontext selten klar ist, wo eigene Grenzen eigentlich liegen.
Wenn Grenzen fehlen
Wenn Grenzen nicht kommuniziert werden, entsteht eine besondere Form von innerer Spannung: kein lauter Stress, sondern ein diffuses Gefühl, dass etwas nicht stimmt.
Andere greifen – bewusst oder unbewusst – in Räume hinein, die eigentlich Dir gehören.
Erwartungen geraten durcheinander, ohne dass es jemand ausspricht.
Konflikte entstehen nicht, weil Menschen schwierig sind, sondern weil niemand weiß, wo eigentlich die Linie verläuft.
Und je weniger klar die eigenen Grenzen sind, desto häufiger gerätst Du in Situationen, die sich unnötig anstrengend anfühlen.
Wenn Dich dieser Aspekt besonders beschäftigt – also die Frage, wie unausgesprochene Erwartungen zu stillen Grenzüberschreitungen führen –, findest Du hier eine vertiefende Perspektive darauf.
Grenzen als stabilisierende Praxis
Grenzen setzen hat weniger mit Härte zu tun, als viele glauben.
Es hat vor allem mit Konfliktfähigkeit zu tun.
Wenn Du Deine eigenen Grenzen kennst, kannst Du Konflikte ruhig, wertschätzend und klar führen. Du kannst sagen, was für Dich passt – und was nicht. Du kannst Verantwortung dort lassen, wo sie hingehört.
Wenn Du Deine Grenzen nicht kennst, passiert meist das Gegenteil: Viele reagieren konfrontativ, weil sie sich überrollt fühlen. Oder es entsteht der Impuls, sich zurückzuziehen, um dem notwendigen Konflikt aus dem Weg zu gehen. Das sind Strategien, die kurzfristig wirken – und langfristig noch alles viel schlimmer machen.
Grenzen stabilisieren nicht nur Dich – sie stabilisieren die Zusammenarbeit.
Sie machen Deine Haltung sichtbar und geben anderen Orientierung.
Gerade in organisationalen Systemen, mit Machtgefällen, impliziten Regeln und hohen Erwartungen, sind klare Grenzen ein zentraler Teil gesunder Arbeitskultur.
Grenzen als Raumgewinn
Grenzen schaffen nicht Enge – sie schaffen Freiheit.
Freiheit, zu entscheiden, was Du einbringst und wo Du Dich schützt.
Freiheit, nicht auf alles reagieren zu müssen.
Freiheit, Dich wieder handlungsfähig zu fühlen.
Mit klaren Grenzen entsteht innere Weite: mehr Platz zum Denken, Priorisieren, Sortieren.
Deine Selbstwirksamkeit wächst, weil Entscheidungen bewusster getroffen werden.
Das eigene Energielevel stabilisiert sich.
Zusammenarbeit wird einfacher, weil Menschen wissen, woran sie sind.
Grenzen sind nicht das Ende eines Gesprächs – sie sind der Anfang von Klarheit.
Grenzen setzen heißt, das eigene Ich zu schützen, Bedürfnisse sichtbar zu machen und Konfliktfähigkeit aufzubauen – ein trainierbarer Muskel, der Klarheit, Selbstwirksamkeit und gesündere Zusammenarbeit ermöglicht.
„Wann wurde eine Deiner Grenzen das letzte Mal überschritten – und hast Du es in dem Moment bewusst wahrgenommen?“
Wenn Du das Gefühl hast, dass Deine Grenzen oft erst sichtbar werden, wenn sie schon überschritten wurden, können wir das gemeinsam sortieren. Oft reichen schon unverbindliche 30 Minuten, um zu verstehen, welche Ansatzpunkte für Dich sinnvoll sein könnten – ohne Druck, sofort etwas lösen zu müssen.
